Das Phänomen Stimme 2016

Das Phänomen Stimme ist so vielfältig wie ihr Gebrauch. Ein wichtiger Aspekt dieser Vielfalt ist ihre ästhetische und historische Varianz. Auch Stimmideale können sich ändern, unterliegen teilweise dem Geschmackswandel, so dass sich neben überzeitlichen Stilen auch kurzlebigere Moden in der Stimmbildung und ihrer Wahrnehmung herausgebildet haben. In die Frage, was eine ›schöne Stimme‹ sei, was ihre Anziehung und Wirkung ausmacht, spielen seit je auch zeitbedingte Bewertungsmuster hinein. Wie Stile, Moden und auch zukünftige Trends auf den Stimmklang wirken, aber auch unsere Wahrnehmung von Sprech- und Singstimmen beeinflussen, steht im Zentrum der diesjährigen Stimmtage.

Wie etwa wirken alltägliche Sprechstile auf das Bühnenspiel ein? Zeigen sich geschlechtsspezifische Stimmmoden und Sprechstile? Und lassen sich nationentypische Moden und Stile erkennen oder gibt es mittlerweile gar eine internationale Stimme?

Diesen und vielen weiteren Fragen werden rund 50 nationale und internationale Stimmexperten nachgehen und unter der Schirmherrschaft von Klaus Maria Brandauer in Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Meisterklassen und Workshops sowie bei künstlerischen Veranstaltungen behandeln.

Der Schirmherr Klaus Maria Brandauer

Der Schirmherr Klaus Maria Brandauer
Foto: Christof Mattes

Klaus Maria Brandauer, aus Altaussee in der Steiermark, ist seit fünfundvierzig Jahren Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters, wo er unter anderem als Hamlet, Don Carlos, Cyrano de Bergerac sowie Nathan der Weise auftrat und aktuell als König Lear zu erleben ist.

Er ist regelmäßig zu Gast beim Berliner Ensemble, wo er als Schillers Wallenstein und bereits seit sieben Jahren als Kleists Dorfrichter Adam und als Krapp in »Das letzte Band« von Beckett zu sehen ist. Bei den Salzburger Festspielen spielte er fast ein Jahrzehnt lang den Jedermann und zuletzt den Ödipus von Sophokles.

Als Filmschauspieler war er erstmals in »Salzburg Connection« zu sehen. Es folgte die Trilogie »Mephisto«, »Oberst Redl« und »Hanussen«, »James Bond – Sag niemals nie«, »Jenseits von Afrika« sowie »Die Auslöschung«.

Als Regisseur inszenierte er »Hamlet« am Burgtheater Wien, »Lohengrin« an der Oper Köln sowie »Die Dreigroschenoper« am Admiralspalast Berlin und er verfilmte u. a. »Georg Elser – einer aus Deutschland« und Thomas Manns »Mario und der Zauberer«.

Er ist o. Univ. Prof. am Max Reinhardt Seminar in Wien, Ehrendoktor der Tel Aviv University und der Paris-Lodron-Universität Salzburg. Er ist Ehrenbürger von Haynes in Alaska und Altaussee in der Steiermark.

Das Programmkomitee

Die Akademie für gesprochenes Wort dankt den ehrenamtlichen Mitgliedern des Programmkomitees:

Prof. Dr. Lutz-Christian Anders, KS Sibrand Basa, Prof. Dr. med. Michael Fuchs, Annikke Fuchs-Tennigkeit, Prof. Dr. Kati Hannken-Illjes, Dr. Gabriele Hinrichs, Eva Kleinitz, Prof. Cornelia Krawutschke, Prof. Uta Kutter, Gisela Lohmann, Prof. Angelika Luz, Prof. Dr. Andreas Meyer, Sergio Morabito, Prof. Dr. med. Bernhard Richter, Prof. Dr. Hans-Ulrich Schnitzler

Grußwort Winfried Kretschmann

Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg

Die diesjährigen Internationalen Stuttgarter Stimmtage der Akademie für gesprochenes Wort stehen unter dem Motto »Das Phänomen Stimme: Stile – Moden – Trends«. 50 Expertinnen und Experten aus dem In- und Ausland dieses scheinbar alltäglichen „Phänomens“ nutzen die Bühnen für musikalische Auftritte, Vorträge und die Ausrichtung vertiefender Workshops. Die Stimmkünstlerinnen und -künstler sowie alle Gäste heiße ich herzlich willkommen in der Landeshauptstadt!
Die Stimme ist ein individueller Ausdruck unserer Identität – sie ermöglicht es, Meinungen kundzutun, sich unseren Mitmenschen mitzuteilen und in einen Dialog mit der Gesellschaft und der Welt zu treten. Gleichsam hat sie einen verbindenden Charakter: Gemeinsam können wir sie nutzen, um uns für unsere Freiheiten und Werte auszusprechen oder unsere kritische Stimme als Warnsignal und Wehrmittel gegen Unrecht einsetzen. In der Gruppe ist sie dabei immer besser zu vernehmen als im Solo. Die Stimme ist das Herzstück der menschlichen Kommunikation – vertraulich, gesellschaftlich, international.
Die Akademie für gesprochenes Wort hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Instrument des Miteinanders zu fördern und auf die vielfältigen Kompetenzen unserer Stimmen hinzuweisen. Hierzulande, in der mannigfaltigen Sprachlandschaft Baden-Württembergs, wo Stimmen auch Dialekte und Mundarten tragen, erfährt die Arbeit der Akademie große Wertschätzung. In unserem Land erheben sich schließlich etwa alemannische, schwäbische oder südfränkische Mundarten.
Mein herzlicher Dank für die engagierte Vorbereitung und Ausrichtung der 11. Internationalen Stuttgarter Stimmtage gilt der Akademie für gesprochenes Wort sowie allen Mitwirkenden. Ich wünsche allen Beteiligten – den Sängerinnen und Sängern und den Sprecherinnen und Sprechern sowie dem Publikum – erlebnisreiche Tage mit stimmgewaltigen Eindrücken, die noch lange Zeit nachhallen werden!

Grußwort Fritz Kuhn

Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart

Bereits zum elften Mal finden vom 29. September bis zum 2. Oktober 2016 die Internationalen Stimmtage in Stuttgart statt. Das interdisziplinäre Forum zum Phänomen Stimme ist damit zu einem festen Bestandteil unserer Kulturlandschaft geworden. Es freut mich besonders, dass die Landeshauptstadt seit Anbeginn den wissenschaftlichen Dialog unterstützt. Diese Form der kontinuierlichen Förderung ist Ausdruck der Anerkennung für eine Veranstaltung, die in eindrucksvoller Weise die Bedeutung der Stimme und des gesprochenen Wortes herausstellt. In diesem Jahr widmen sich die Internationalen Stimmtage dem Thema »Stile – Moden – Trends«.
Wie sie auf den Stimmklang wirken oder unsere Wahrnehmung von Sprech- und Singstimmen beeinflussen, sind nur zwei von vielen Fragen, die in Vorträgen, Podiumsdis- kussionen und Meisterklassen von rund 50 renommierten Wissenschaftlern und Künstlern reflektiert werden. Besonders interessant dürfte die Aufführung der Mozartoper »Zaide. Eine Flucht« sein. Mit Bewunderung verfolgte ich die Arbeit von 70 geflüchteten Künstlerinnen und Künstlern aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Nigeria, die gemeinsam mit »Zuflucht Kultur e.V.« das Libretto der Oper neu geschrieben haben. Dieses Projekt ist somit ein weiterer wichtiger Baustein im Bemühen zur Integration schutzsuchender Menschen und macht Mut für das kulturelle Miteinander.
Die Akademie für gesprochenes Wort ist Initiatorin und Veranstalterin der Internationalen Stuttgarter Stimmtage. Ihre Gründung hat der Landeshauptstadt einen einzigartigen Schwer- punkt im Gesamtgefüge seiner Kultureinrichtungen verschafft. Bundesweit gibt es keine Ins- titution, die sich so professionell und zielorientiert mit der Kultur der gesprochenen Sprache beschäftigt. Dieser Verpflichtung gegenüber der freien Rede, des Dialogs und der Diskussion zolle ich großen Respekt – gewinnt sie doch gegenwärtig immer mehr an Bedeutung.
Auch in diesem Jahr kann die Akademie für gesprochenes Wort bei der Ausrichtung der Stimmtage auf die bewährte Kooperation mit der Oper Stuttgart sowie der Staatlichen Hoch- schule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart zurückgreifen. In einem Zusammenspiel von Theorie und Praxis bieten sich so für die Studierenden Einblicke in die konkrete Arbeit.
Ich wünsche allen Gästen aus dem In- und Ausland, allen Stimm-Neugierigen gelungene Tage, einen reichen Erfahrungsaustausch und einen angenehmen, interessanten Aufenthalt in Stuttgart.

Geleitwort Dr. h. c. Michael Klett

Vorsitzender der Stiftung Akademie für gesprochenes Wort

Es ist nun bald ein Vierteljahrhundert her, dass es die Stimmtage in Stuttgart gibt. Entworfen und eingerichtet durch Horst Gundermann (†), Uta Kutter und Annikke Fuchs-Tennigkeit, hat dieser erlesene Kongress stets eine fachliche Intelligenz und ein lebhaft interessiertes Publikum versammelt für die Ermessung einer der aufregendsten und rätselhaftesten Ausdruckskräfte des Menschen in seiner Menschenwelt: der Stimme. Diese Herbsttage waren, ob es experimentell, theoriegeladen, praktisch oder musisch zuging, immer bereichernd und fruchtbar für die Anliegen der Veranstalterin, der Akademie für gesprochenes Wort, wie für Teilnehmer und Gäste.
Die Zivilisationen der Menschheit, einerlei auf welcher Stufe ihrer Entwicklung sie waren und sind, haben Stimme und Stimmen ›bearbeitet‹, kultiviert und in hohen Sphären ihres Werdens ästhetisiert. Ja, man könnte sogar sagen, dieses vielfältig instrumentierende Geschehen an der Stimme ist eine Signatur vitalen kulturellen Handelns. Wieder widmen sich die 11. Stimmtage dieser eminenten Sache und weisen dabei zugleich auf eine Fülle weiterer Aspekte dieses unerschöpflichen Phänomens.

Die mittlerweile traditionsreiche Kooperation mit der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellenden Kunst Stuttgart sowie der Oper Stuttgart ist ein besonderer Glücksfall, wodurch erst möglich wird, die Internationalen Stuttgarter Stimmtage auf so gewinnbringende Weise durchzuführen. Ihnen und allen Beteiligten gilt unser großer Dank.